Du denkst dir vielleicht, ich habe einen an der Waffel, weil ich dich dazu beglückwünsche? Möglich, das kommt darauf an, welches Wertesystem dich geprägt hat.

Ich zum Beispiel bin in einer Familie aufgewachsen, die erstens nur von starken Frauen dominiert wurde und die zweitens keine Schwächen zulassen konnte. Meine Großmutter, eine Kriegerwitwe, die mit zwei kleinen Kindern und ihrer Mutter zusammen, um das nackte Überleben kämpfte, durfte sich nicht einmal im Ansatz erlauben, irgendeine Form von Schwäche zu fühlen.

Vielleicht hätte sie, wenn Sie es zugelassen hätte, aufgegeben. Vielleicht hätte sie der viel zu frühe Verlust von ihrem Mann in seiner Schmerzhaftigkeit überwältigt. Vielleicht hätte sie nicht mehr aufhören können, zu weinen? Vielleicht wäre sie ihm gerne nachgefolgt? Aber mit gerade einmal zweijährigen Zwillingen war das keine Option.

Vielleicht hat es solche Schicksale auch in deiner Herkunftsfamilie gegeben? Und vielleicht kennst du das auch – ich darf nicht schwach sein.

Ich habe Jahrzehnte darum gekämpft, mir erstens einzugestehen, dass ich mich manchmal schwach fühle und zweitens mir das überhaupt zu erlauben. Da ich schon seit fast 25 Jahren mit meiner Praxis selbstständig bin, hatte ich auch immer gute Gründe, warum ich nicht schwach sein darf. Als Selbstständiger bist du davon „abhängig“ durch deine Präsenz Umsatz zu machen. Sehr oft habe ich da meinen Mann beneidet, der als Angestellter auch mal gelassen im Bett seine Grippe auskurieren konnte.

Bei welchen Gelegenheiten erlaubst du dir nicht, dich schwach zu fühlen?

 

Was heißt Schwäche eigentlich?

In den wenigsten Fällen ist es eine körperliche Schwäche. Meistens verbinden wir damit die Angst, mit etwas überfordert zu werden. Die Angst, die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Die Angst, vor einem Chaos.

Im Grunde sind es doch unsere Befürchtungen, die uns daran hindern, uns einzugestehen, wie wir uns wirklich fühlen. Und wenn wir das unablässig tun, dann entsteht mehr und mehr eine emotionale Verwirrung in uns und wir müssen noch mehr die Kontrolle behalten, um auch diese Unsicherheit zu überstehen.

 

Fühle deine Schwäche!

Ich möchte dich heute einladen, dir einmal kurz zu erlauben, eine Situation, sei sie gegenwärtig oder vergangen, herzuholen, in der du dich schwach gefühlt hast. Lass dir Zeit, zu spüren, wo in deinem Körper dazu eine Reaktion stattfindet.

Das können ganz kleine Veränderungen sein, wie zum Beispiel ein leichtes Kribbeln in den Händen oder aber auch ein Druckgefühl zum Beispiel im Brustkorb. Nimm einfach wahr, was du fühlst, ohne es abzuwehren oder zu bewerten. Spüre nur, was da gerade passiert.

Es ist wichtig, dir immer wieder bewusst zu machen, wann du wie körperlich auf etwas reagierst. Denn so wirst du dir mehr und mehr klarer darüber, was du fühlst.

Wenn du dann eine Reaktion lokalisiert hast, dann atme genau dort hin. Um auf das Beispiel mit dem Druck im Brustkorb zurück zu kommen, mit dem inneren Satz „ mein Druck im Brustkorb“. Einfach ruhig atmen und diesen Satz im Fokus behalten. Beobachte, wie sich der der Druck verändert. Es kann sein, dass der Druck nachlässt, es kann sein, dass er sich auflöst. Es kann sein, dass eine andere körperliche Reaktion an einer anderen Stelle in deinem Körper auftaucht. Es kann sein, dass dir plötzlich dabei etwas bewusst wird. Egal, was es ist, atme mit dem nächsten Thema weiter.

Manchmal ist das, wie eine Kettenreaktion. Du kommst von einer Wahrnehmung zur nächsten, von einer Erkenntnis zur anderen. 

Probiere es aus. Nimm dir bewusst auch einmal den Satz her „ meine Angst davor, mich schwach zu fühlen“. Wo fühlst du dazu eine Reaktion? Wie fühlt es sich an, dir diese Angst einfach einzugestehen?

Integriere diese Übung in der nächsten Zeit bewusst in deinen Alltag und mach einfach die Erfahrung, dass es gar nicht schlimm ist, zu fühlen, was dich bewegt. Spiele mit dir und deinem Körper. Entdecke, wie dein Körper wie ein Seismograf auf deine Gedanken reagiert.

Innehalten – wahrnehmen  – atmen. That‘s it!

Ich wünsche dir viele spannende Erfahrungen. Vielleicht hast du ja Lust, Sie mit mir zu teilen?

 

Genieße deinen Tag!

Michaela Mantwill